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Wenn Agenten den Code schreiben, wird die Freigabe zum Engpass

Anthropic führt zwölfmal so viele Codeänderungen am Tag zusammen wie im Mai, auf GitHub nennen in einem Jahr rund dreißigmal so viele öffentliche Commits Claude als Co-Autor, und das Vier-Augen-Prinzip für jede Codeänderung, das noch in vielen Vorgaben steht, wird damit zur Fiktion.

rund 30× so viele öffentliche Commits mit Claude als Co-Autor, September 2026 gegen 2025
12× so viele zusammengeführte Änderungen am Tag bei Anthropic, September gegen Mai 2026
über 900.000 öffentliche Commits mit Claude als Co-Autor an einem einzigen Dienstag im September 2026 (Schätzung der GitHub-Suche)

Das Vier-Augen-Prinzip für Code war schon vor KI oft nur ein Klick auf „Approve“. Mit Agenten wird es zur Fiktion. Anthropic hat am 13. Oktober beschrieben, wie schnell sich das verschiebt: Im Mai wurden dort rund 2.500 Codeänderungen am Tag zusammengeführt, im September über 30.000, und Versionsverwaltung, Builds und Tests kamen nicht mehr mit. Ich habe auf GitHub nachgezählt, ob man diese Entwicklung auch außerhalb von Anthropic sieht. Im September 2026 nannten rund dreißigmal so viele öffentliche Commits Claude als Co-Autor wie ein Jahr zuvor. Ein Commit ist eine gespeicherte Änderung in der Versionsverwaltung. Meine Zählung zeigt, wie schnell die Menge wächst. Was daraus folgt, ist meine Einschätzung: In vielen Vorgaben zur Qualitätssicherung und in Sicherheitskonzepten steht noch, dass jede Codeänderung von einer zweiten Person geprüft wird. Bei dieser Menge stimmt das nicht mehr, und die Regeln dafür gehören neu geschrieben.

Was Anthropic beschreibt

Am 13. Oktober hat Anthropic im Engineering-Blog beschrieben, warum das Unternehmen git für sein großes Haupt-Repository durch ein eigenes System ersetzt hat (Redesigning source control at Anthropic). Gebremst hat zuletzt die Infrastruktur, die für menschliches Tempo gebaut wurde: Versionsverwaltung, Builds und CI, also die automatischen Builds und Tests. Git ist dezentral und für Entwickler gedacht, die auch offline arbeiten. Bei Anthropic sind fast alle Clients inzwischen Agenten und automatisierte Jobs, die ständig online sind.

Ein paar Zahlen aus dem Beitrag, alles Angaben von Anthropic in eigener Sache:

  • 2.500 zusammengeführte Änderungen am Tag im Mai, über 30.000 im September.
  • In der Größenordnung von 25 Millionen Abrufen des Codes am Tag für CI, naiv geladen wären das über 600 Petabyte Git-Verkehr am Tag.
  • Sieben Leute haben das neue System Scion und ein neues Review-Werkzeug in fünf Monaten gebaut und das Repository vollständig umgezogen. Alle beteiligten Ingenieure halten Claude nach eigener Aussage inzwischen für besser im Code-Schreiben als sich selbst. Ihre Aufgabe war oft, Claude „nein“ zu sagen.

Für mich am wichtigsten sind die Sätze über die Arbeitsweise. Beim Bau von Scion hat das Team weiterhin jede Änderung geprüft, aber auf ihre Absicht hin, statt jede Zeile zu lesen. Für das ganze Repository setzt Anthropic auf automatisierte Tests nach dem Zusammenführen und vor der Auslieferung. Die übliche Sperre, die Änderungen in der Warteschlange vor dem Zusammenführen nacheinander abarbeitet, ließ sich nach eigener Aussage nicht wirksam nachbilden. Dazu kommen Zugriffsrechte bis auf einzelne Verzeichnisse und Freigaberegeln, die eine reine Kommentaränderung anders behandeln als eine heikle Änderung an der Logik.

Scion wird nicht veröffentlicht. Anthropic schreibt selbst, es sei schwer, das System in einer Form anzubieten, die anderen Organisationen nützt.

Karpathys Trichter

Zwei Tage vorher hat Andrej Karpathy, Mitgründer von OpenAI und früher KI-Chef bei Tesla, auf X einen Trichter beschrieben. Nach seiner groben Schätzung hatten rund 75 % der Menschen kaum Kontakt mit Sprachmodellen, rund 20 % nutzen gelegentlich kostenlose Chatbots, etwa 20 Millionen erleben beim Programmieren und in der Mathematik, dass Agenten große Projekte, für die sie früher Wochen oder Monate brauchten, auf einen Prompt hin erledigen, und rund 5.000 Menschen arbeiten intern mit den stärksten Systemen. Führungskräfte zählt er ausdrücklich zur zweiten Gruppe: Sie verstehen intellektuell, was passiert, kennen es aber aus zweiter Hand. Über die Spitze des Trichters schreibt er, menschliche Prüfung und menschliches Verständnis begännen zurückzufallen.

Ein Vorwurf an Führungskräfte ist das nicht. Ihr Alltag besteht aus Gesprächen und Entscheidungen, und Zeit zum Ausprobieren bleibt wenig. Mich selbst nehme ich da nur teilweise aus. Zusammen mit Anthropics Zahlen beschreibt der Trichter aber ein echtes Problem: Bei denen, die mit Agenten arbeiten, wächst die Menge an Code sprunghaft, und über Review-Regeln, Testinfrastruktur und Budgets entscheiden oft Menschen, die diese Entwicklung aus zweiter Hand kennen.

Wie ich nachgezählt habe

Wie viel Code inzwischen mit Agenten entsteht, sieht man von außen nur an Spuren. Claude Code, das Programmierwerkzeug von Anthropic, schreibt in jeden Commit, den es anlegt, standardmäßig die Zeile „Co-Authored-By“ mit dem Namen des Modells, zum Beispiel „Co-Authored-By: Claude Opus 5.5“. Man kann sie abschalten. Ich zähle nur Claude, weil nur bei Claude Code eine solche Zeile standardmäßig gesetzt wird und sich deshalb zählen lässt. Andere Werkzeuge setzen eigene oder gar keine Zeilen. Dazu gehört auch der Hinweis, dass ich Claude selbst für fast alles in diesem Blog nutze. Ich habe am 22. Oktober über die Suchschnittstelle von GitHub für jeden Monat seit Januar 2025 gezählt, wie viele öffentliche Commits diese Zeile tragen. Zum Vergleich habe ich an vier Stichmonaten alle Commits gezählt, in deren Nachricht „fix“ vorkommt, als grobes Maß dafür, wie stark GitHub insgesamt wächst. Code und Rohdaten liegen auf GitHub.

Was ich gefunden habe

Öffentliche Commits mit Claude als Co-Autor je Monat, Januar 2025 bis September 2026

Im September 2025 fand die Suche rund 460.000 öffentliche Commits mit der Zeile, im September 2026 zwischen 14,2 und 15,3 Millionen, je nach Abfrage. Das ist rund dreißigmal so viel in einem Jahr. Nimmt man August 2025 als Ausgangspunkt, sind es rund 25-mal so viele. Der genaue Faktor hängt also am Ausgangsmonat, die Größenordnung nicht.

Zur Kontrolle habe ich einzelne Tage abgefragt. Am Dienstag, 16. September 2025, waren es 18.100 Commits, und diese Abfrage war vollständig. Für die Dienstage 8. und 15. September 2026 schätzte die Suche 925.000 und 953.000, beide Abfragen waren unvollständig. Das ist rund doppelt so viel wie der Monatswert für September 2026 pro Tag. Ein Teil davon ist der Wochentag, denn an Werktagen wird mehr committet als am Wochenende. 2025 lag der Dienstag nur um etwa ein Sechstel über dem Monatsdurchschnitt. Der Rest spricht dafür, dass die Monatswerte für 2026 eher zu niedrig sind.

Zur Einordnung die Vergleichsgröße: Von Januar bis September 2026 wuchs die Zahl der Commits mit „fix“ in der Nachricht um rund 10 %, die der Commits mit Claude als Co-Autor stieg auf fast das Fünffache. Ein Teil der „fix“-Commits dürfte selbst von Agenten stammen.

Die ersten 100 Treffer vom 15. September 2026 habe ich mir einzeln angesehen. Alle enthielten die Zeile wirklich, verteilt auf 70 Repositories. Am häufigsten genannt waren Claude Fable 5.1 und Claude Opus 5.

Auch der Vergleich mit Anthropic sagt etwas. Dort stieg die Zahl der zusammengeführten Änderungen zwischen Mai und September 2026 auf das Zwölffache, auf GitHub im selben Zeitraum nach meinen Monatswerten grob auf das Doppelte. Anthropic ist der Extremfall, der Rest folgt mit Abstand in dieselbe Richtung.

Mein eigener Anteil liegt bei 100 %: Alle 12 Commits meines E-Mail-Benchmarks tragen die Zeile, ebenso alle Commits dieses Blogs. Dort geht es allerdings oft um Texte und nicht nur um Code.

Was die Zahlen nicht sagen

Die Suche von GitHub liefert Schätzwerte. Fast jede Abfrage kam mit dem Hinweis zurück, die Ergebnisse seien unvollständig, weil die Suche abgebrochen wurde. Für 2026 habe ich jeden Monat zweimal abgefragt, im ungünstigsten Fall lag der höhere Wert 43 % über dem niedrigeren. Die Zahlen taugen deshalb für Größenordnung und Verlauf. Auf die genaue Höhe würde ich mich nicht verlassen.

Gezählt sind nur öffentliche Repositories und nur Commits mit der Zeile. Wer sie abschaltet oder ein anderes Werkzeug nutzt, fehlt. Andere Agenten setzen eigene oder gar keine Zeilen, deshalb vergleiche ich keine Werkzeuge. Ein Commit ist außerdem etwas anderes als eine zusammengeführte Änderung bei Anthropic. Agenten legen nach meiner Erfahrung häufiger und kleinere Commits an als Menschen, dreißigmal so viele Commits heißen deshalb nicht dreißigmal so viel Code. Und viele öffentliche Repositories sind Experimente und Wegwerfprojekte. Die Zahlen zeigen, wie schnell sich das Arbeiten mit Agenten ausbreitet. Wie viel davon in Produktion geht, zeigen sie nicht.

Was daraus für die IT folgt

Die meisten IT-Abteilungen sind nicht Anthropic, und eine eigene Versionsverwaltung braucht kaum jemand. Übertragbar ist das Prinzip: Sobald Teams mit Agenten arbeiten, wächst die Menge an Änderungen, und das trifft zuerst alles, was nach dem Schreiben kommt. Was folgt, ist meine Einschätzung.

Das Vier-Augen-Prinzip steht oft nur noch auf dem Papier. In vielen Vorgaben zur Qualitätssicherung und in Sicherheitskonzepten steht, dass jede Codeänderung von einer zweiten Person geprüft wird. Schon vor KI war das nach meiner Erfahrung oft nur ein Klick auf „Approve“, weil kaum jemand die Zeit hatte, jede Zeile wirklich zu lesen. Bei der Menge, die Agenten liefern, ist es nicht mehr haltbar. Wer es trotzdem so aufschreibt, dokumentiert eine Kontrolle, die es nicht gibt, und das kann beim nächsten Audit unangenehm werden.

Ehrlicher wäre, nach Risiko zu prüfen. Anthropic hat beim Bau von Scion die Absicht jeder Änderung geprüft, statt jede Zeile zu lesen, und setzt im ganzen Repository auf automatisierte Tests. Menschen sollten die Absicht und die heiklen Stellen prüfen: Eine Textänderung braucht eine andere Prüfung als eine Änderung an Berechtigungen oder an der Zahlungslogik. Diese Staffelung gehört in die Vorgaben selbst, der einzelne Reviewer kann sie nicht entscheiden.

Tests werden zur eigentlichen Absicherung. Wer weniger Zeilen liest, muss sich auf Tests verlassen. Ihre Abdeckung und Qualität werden damit zur Führungsfrage.

Infrastruktur und Verträge sind für Menschen gerechnet. Rechenzeit für automatische Builds und Tests, Lizenzen pro Arbeitsplatz und die Grenzen von GitHub oder GitLab gehen von menschlichem Tempo aus. Bei der Budget- und Vertragsplanung würde ich das Zehnfache an Änderungen einmal durchrechnen.

Herkunft festhalten. Die Co-Autor-Zeile ist heute der einfachste Hinweis, welcher Code mit einem Agenten entstanden ist. Ein sicherer Nachweis ist sie nicht: Man kann sie abschalten oder ändern, und sie fehlt, wenn ein Mensch den Commit anlegt. Wer Nachvollziehbarkeit braucht, etwa für Prüfungen oder Haftungsfragen, sollte sie vorschreiben und zusätzlich festhalten, welche Werkzeuge im Einsatz sind.

Selbst bauen. Ich halte es für sinnvoll, dass CIOs selbst mit Agenten bauen, und sei es nur ein kleines Werkzeug. Erst dann merkt man, wo es hakt und wie viel schneller Änderungen kommen, als man sie lesen kann.

Fazit

Bei Anthropic schreiben Agenten so viel Code, dass git, Builds und Tests nicht mehr mitkamen. Auf GitHub sieht man dieselbe Richtung mit Abstand: Öffentliche Commits mit Claude als Co-Autor sind in einem Jahr auf rund das Dreißigfache gewachsen. Das ist gemessen, wenn auch nur als Größenordnung. Meine Einschätzung: Ein Vier-Augen-Prinzip für jede Codeänderung, das schon vorher oft nur auf dem Papier stand, ist bei dieser Menge nicht mehr zu halten. Ich würde die Vorgaben ehrlich neu schreiben, mit Regeln, die nach Risiko unterscheiden.

Quellen